Bahnübergang: Schranken geschlossen – was heißt das?

"walk" (CC BY 2.0) by  valentin.d 

Vielen Leserinnen und Lesern werde ich wohl nicht erklären müssen, was ein geschlossener Bahnübergang bedeutet. Wenn die Schranken unten sind, deutet das in fast allen Fällen darauf hin, dass da irgendwas „im Anrollen“ ist. Doch diversen Menschen ist offenbar nicht bewusst, welche Bedeutung geschlossene Schranken haben. So gab es in der Vergangenheit diverse Meldungen über tatsächliche oder Beinaheunfällen an Bahnübergängen. Das Thema „Unfall am Bahnübergang“ hört sich im ersten Moment vielleicht relativ simpel an, kann aber einen riesigen Rattenschwanz hinter sich her ziehen. Mit den folgenden Zeilen möchte ich auf dieses Thema etwas näher eingehen und die vielen Gefahren, Konsequenzen und Zukunftsvisionen darlegen.

Geschlossenen Bahnübergang überqueren

Zu Beginn muss ich etwas weiter ausholen. In Deutschland gibt es nicht nur eine Art von Bahnübergang per se, sondern viele verschiedene Typen. Der häufigste dürfte der fernüberwachte Bahnübergang sein. Der funktioniert vom Prinzip her relativ einfach: Fährt ein Zug an einer bestimmten Position vor dem Bahnübergang an einem Sensor vorbei, meldet dieser dem Bahnübergang, dass demnächst ein Zug die Straßen queren wird. Die Elektrik macht den Rest: Warnleuchten blinken lassen, Schranken schließen und auf den Zug warten. Die Dauer zwischen dem Vorgang „Schranken schließen“ und „Zug fährt vorbei“ muss und ist auch nicht immer an jedem Bahnübergang gleich. Manchmal dauert es nur Sekunden, bis nach der Schrankenschließung der Zug vorbeifährt, manchmal kann es aber auch Minuten dauern. Je nach Situation ist die Wartezeit daher unterschiedlich. Ein großer und fatale Irrtum! Das Überqueren des Bahnüberganges bei geschlossenen Schranken ist also nicht mit der Aussage zu rechtfertigen, dass „ich immer weiß, wie lange der Zug braucht, bis er hier vorbeikommt“. Die enorme Gefähr, die bei einer Überqueren des geschlossenen Bahnübergangs ausgeht, erklärt die recht hohen Strafen, die hier verhängt werden können. Laut Bußgeldkatalog (Stand 2016) ist man hier mit 700 €, zwei Punkten in Flensburg und drei Monaten Fahrverbot dabei.

Ein Zug kann nicht einfach „anhalten“

Abgesehen davon sind die Konsequenzen für beide Parteien, den Lokführern sowie denjenigen, die den geschlossenen Bahnübergang überqueren, verherend. Während Letztere in vielen Fällen nicht überleben und ihre Körperteile über hunderte Meter am Gleis verstreut herumliegen, ist der Schock für Fahrgäste, aber in erster Linie der des Lok- bzw. Triebfahrzeugführers, immens. Das geht teilweise soweit, dass sie ihren Job nicht mehr ausführen können. Es sollte allgemein bekannt sein, dass der Bremsweg eines Zuges nicht mit dem eines normalen Autos oder LKWs zu vergleichen ist. Schwere und/oder lange Güterzüge können manchmal schon einige Kilometer brauchen, bis sie völlig zum Stillstand gekommen sind. Wird der Bahnübergang als geschlossen gemeldet, schaltet ein Signal, dass in der Regel vor jedem Bahnübergang am Gleis steht, auf freie Fahrt um. Sofern nichts anderes gilt, darf dann mit Streckengeschwindigkeit weitergefahren werden. Wenn der Lok-/Triebfahrzeugführer dann um die Kurve und auf den Bahnübergang zu fährt, stehen meistens nur wenige hundert Meter für Reaktionen zur Verfügung. Ausgeschlossen sind logischerweise ein totaler Stillstand des Zuges, sollte sich etwas auf den Gleisen befinden. Da hilft meistens nur die Flucht nach hinten.

"Person unter S-Bahn, Bahnhof Kastel, 16." (CC BY-NC-ND 2.0) by  Wiesbaden112.de 
Person unter S-Bahn, Bahnhof Kastel, 16.“ (CC BY-NC-ND 2.0) by  Wiesbaden112.de 

Neue Techniken für Bahnübergänge

Dieses Problem ist nicht neu. Tatsächlich sind bereits heute viele Bahnübergänge mit neuer Technik ausgestattet worden. So messen bspw. Radarstationen, ob der Bahnübergang wirklich frei ist. Würde sich ein Auto auf den Gleisen zwischen den Schranken befinden, verhindert die Radartechnik das Umschalten des Signals auf freie Fahrt. Mit Menschen klappt das meistens nicht so einfach. Es werden auch nie alle Bahnübergänge mit dieser Technik ausgestattet werden, daher bleiben Bahnübergänge immer ein Risikofaktor. Auch so ein Grund, warum die Deutsche Bahn die Bahnübergänge am liebsten abschaffen wollen würde. Zum einen weniger Wartungsaufwand, zum anderen würde die Sicherheit gesteigert werden – und auch die Geschwindigkeit der Züge könnte, sofern streckenbedingt möglich, erhöht werden.

ecall bahnübergang alarmknopf notruf
Bahnübergänge sollen sicherer werden – doch wie? (Bild: Maximilian Fischer)

Eine weitere Idee kommt von der Allianz pro Schiene (wir berichteten). Die EU hat für 2018 das eCall-Notrufsystem für Autos und LKWs verpflichtend beschlossen. Das System könnte in sofern erweitert werden, dass ein Extraknopf für Bahnübergänge mit ins Konzept aufgenommen wird. Das könnte, abhängig von der Position, automatische Meldungen an für den Streckenabschnitt zuständigen Fahrdienstleiter und sich auf der Strecke befindliche Züge abschicken. Von dieser Regelung sind aber nur Neufahrzeuge betroffen. Eine hunderprozentige Sicherheit ist deshalb auch nicht gegeben. Wie auch immer, bisher ist in dieser Richtung noch nichts beschlossen worden, womöglich aber eine sinnvolle Ergänzung für das eCall-System.

Anrufschranken

Ich habe eingangs erwähnt, dass in den meisten Fällen eine geschlossene Schranke auf einen ankommenden Zug hinweist. Wie gesagt, häufig ist das so, es kann aber auch ein anderer Grund vorliegen. In Deutschland gibt es neben den regulären Schranken auch sogenannte Anrufschranken. Diese Schranken sind immer geschlossen, egal, ob gerade ein Zug kommt, oder nicht. Zu erkennen sind sie an kleinen, gelben Boxen, die vor den Schranken an Stangen aufgehängt sind.

anrufschranke
Jivee Blau, Bahnstrecke Mainz–Ludwigshafen- Bahnübergang südlich des Guntersblumer Bahnhofs- Richtung Nord (Guntersblum) 15.6.2008, CC BY-SA 3.0

Möchte man den Bahnübergang an so einer Anrufschrank überqueren, drückt man den kleinen grauen Hebel nach unten (meistens ist es auch ein einfacher Knopf, den man drücken kann). Im Hintergrund wird eine Telefonverbindung zum zuständigen Fahrdienstleiter der Strecke aufgebaut. Je nach Fahrplan wird er dann durchgeben, ob gleich ein Zug kommt und gewartet werden soll, oder man sofort zur anderen Seite gehen kann. Die Schranken werden dann von der Ferne aus geöffnet. Sobald man auf der anderen Seite ist, ruft man „Ich bin drüben“ oder dergleichen, dass der FDL die Schranken wieder schließen kann.

Eine weitere Möglichkeit ist der Defekt der Schranke. In der Regel ist hier aber schnell Personal anwesend, die den Verkehr händisch regelt.

Berichte eines Lokführers

Abschließend möchte ich an dieser Stelle ein paar Blogbeiträge empfehlen, der von Lok-/Triebfahrzeugführer geschrieben wurde. Sie beschreiben ausführlich, wie es ihm einem Unfall mit auf den Gleisen befindlichen Personen zugeht. Natürlich sind die beschriebenen Reaktionsverhalten nicht auf jeden Lok-/Triebfahrzeugführer übertragbar. Es ist wie mit Autounfällen: Der eine kommt besser damit zurecht, der andere weniger. Für alle, die sich jedoch dafür interessieren, welche teils schweren Einschnitte so ein Unfall in den sozialen Lebensablauf einer Person bedeuten kann, sollte sich das ein oder andere aufmerksam durchlesen.

Tim von guskeks.de beschreibt in „Notarzteinsatz am Gleis„, wie der bahntechnische Ablauf bei einem Personenunfall am Gleis aussieht. Auf fudder.de wird realistisch geschildert, wie der Lokführer einen Selbstmord erlebt hat. Das hat zwar mit dem Thema Bahnübergang nichts zu tun, ist aber das Gleiche für den Lokführer: Ob Suizid oder „versehentlich“ auf dem Bahnübergang, Unfall mit Person(en) ist ein Unfall mit Person(en). Ernst Kern ist auch Lokführer und erzählt auf annabelle.ch von seinem Personenunfall. Auch sehr detailliert und aufklärend sind die Beiträge auf dem Blog ichbinderzug.de. Es gibt bestimmt noch weiter Blogs und Blogbeiträge über dieses Thema, die gerne über den Kommentarbereich mit in diesen Report aufgenommen werden können.

Macht Mitmenschen, die leichtsinnig über geschlossene Bahnübergänge reden oder gar selbst auf eigene Faust die Gleise an ungesicherten Stellen überqueren, auf die enorme Gefahr aufmerksam. Vielen Dank fürs lesen – und weitersagen!

Hinweis: Dieser Beitrag ist Report und Kommentar zugleich.

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